Trends und Entwicklungen im Projektmanagement – Lorenz Gareis im Interview

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Erst kürzlich hat Lorenz Gareis bei einer Podiumsdiskussion zu Trends und Entwicklungen im Projektmanagement teilgenommen. Welchen Herausforderungen sich  ProjektmanagerInnen stellen müssen und welche Trends 2015 zu erwarten sind erfahren Sie hier in einem Interview:

Welche neuen Trends und Entwicklungen erwartest du dir im Bereich PM?

Wir sehen uns mit der Situation konfrontiert, dass Projektmanagement immer häufiger für tot erklärt wird. Nutzen und Vorgangsweisen im Projektmanagement werden grundsätzlich in Frage gestellt und es wird nach „agilen“ Alternativen gesucht. Aus unserer Sicht handelt es sich bei diesem totgesagten Projektmanagement um veraltete Ansätze. Ein Trend ist somit sicherlich die Lösung der Frage nach dem Zusammenhang eines zeitgemäßen Projektmanagements mit sogenannten agilen Methoden.

Im Bereich der Managementansätze ist generell eine wachsende Komplexität beobachtbar. Diese entsteht einerseits durch eine stärkere Differenzierung von unterschiedlichen Projektmanagement-Ansätzen, die von bekannten Institutionen wie IPMA®, PMI®, ISO® oder PRINCE2® vertreten werden. Andererseits gewinnen die bereits erwähnten agilen Methoden, wie SCRUM oder Kanban, immer mehr an Bedeutung.

Ein weiterer Trend lässt sich beim notwendigen Formalismus im Projektmanagement beobachten. Ich möchte das am Beispiel der beiden Extrempositionen auf einem Spektrum erläutern:

Auf der einen Seite besteht ein enormer Bedarf nach Detaillierung und Spezifizierung schon vor Projektstart, beispielsweise in Projekten die von der EU gefördert werden. Änderungen des Leistungsumfangs nach Projektstart werden hier – überspitzt formuliert – mit Vertragsbruch gleichgesetzt. Auf der anderen Seite sehen wir zum Beispiel bei Produkt- oder Software-Entwicklungsprojekten den Bedarf nach mehr Handlungsspielraum im Bereich der Anforderungsspezifikation. In solchen Projekten ist es eine detaillierte Spezifikation im Zuge des Projektstarts oft nicht seriös durchzuführen. Ganz im Gegenteil – hier möchte man sich innerhalb eines vordefinierten Rahmens an die bestmögliche Lösung „heranarbeiten“. In solchen Fällen empfiehlt es sich dann unter anderem auch auf agile Methoden zurückzugreifen.

Abschließend einer der spannendsten Trends aus unserer Sicht: Unterschiedliche Managementansätze in Unternehmen müssen stärker integriert werden. Projektmanagement, Prozessmanagement, Changemanagement und Business Analyse (bzw. Anforderungsmanagement) müssen durch eine gemeinsame grundsätzliche Werthaltung, kompatible Terminologie etc. anschlussfähig gemacht werden. Das PMI® seit diesem Jahr eine Zertifizierung zur Business Analyse/Anforderungsmanagement, PMI Professional in Bussiness Analysis (PMI-PBA)®, anbietet zeigt, dass das Zusammenspiel unterschiedlicher Managementansätze massiv an Bedeutung gewinnt.

Welche Anforderungen werden an den Projektmanager von morgen gestellt und welche Fähigkeiten/Ausbildungen sollte er/sie haben? (Fähigkeiten, Ausbildung, Zertifizierungen, …)

Projekte werden weiterhin an Bedeutung gewinnen, da sie für die langfristige Überlebensfähigkeit von Organisationen sorgen. Somit wird auch das Rollenbild des Projektmanagers weiter an Bedeutung gewinnen, wobei sich die Rolle verändern wird. In Zukunft wird man mit der bloßen Administration von Aufgaben als Projektmanager keine Erfolge mehr verzeichnen. Der Bedarf nach „echten“ Managern wächst. Um dieser Anforderung gerecht zu werden muss sich das Selbstverständnis von Projektmanagern ändern. Projekte müssen ganzheitlich verstanden werden. Das bedeutet Projekte stärker in ihrem Kontext zu sehen. Gute Projektmanager werden nicht mehr jene sein, die wie mit Scheuklappen den Zielen in ihrem Projektauftrag folgen und diese in der geplanten Zeit mit den geplanten Ressourcen umsetzen. In Zukunft wird es notwendig sein über die Projekt-Grenzen hinauszublicken, um nicht nur das Projekt sondern auch den zugrundeliegenden Business Case zu verstehen. Im Rahmen des Projekts ist der Projektmanager auch für den Business Case verantwortlich! Die dazu notendige Änderung des Selbstverständnisses kann auf organisatorischer Ebene auch durch eine adäquate Ansiedlung in der Aufbauorganisation verstärkt werden.

Die Projektmanagement-Kompetenzen an sich werden an Bedeutung nicht verlieren, werden aber wohl als Grundvoraussetzung für die individuelle Weiterentwicklung verstanden werden. Neben diesen Kompetenzen werden Projektmanager ein hohes Ausmaß an Soft Skills sowie Kompetenzen in unterschiedlichen Management-Ansätzen – Stichwort „Changemanagement“ – benötigen.

Wie müssen sich Organisationen in Zukunft aufstellen (Stichwort: prozess-, projektorientiert) und welche Rolle wird das PMO dabei spielen?

Das PMO sollte es in seiner bisherigen Funktion nicht mehr geben. Eine eigene Organisationseinheit je Management-Ansatz zu etablieren ist aktuell weitverbreitet. Unserer Meinung fördert dies jedoch „Silodenken“ und beschwört damit eine Konkurrenzsituation zwischen Management-Ansätzen herauf die zu massiven Effizienzeinbußen führt.

Die bereits angesprochene Integration unterschiedlicher Management-Ansätze sollte durch einheitliche Governance-Strukturen gefördert werden, in denen beispielsweise Projektmanagement, Prozessmanagement, Changemanagement und Business Analyse integriert betrachtet werden. Nur so ist es Organisationen möglich das Optimum aus den unterschiedlichen Ansätzen herauszuholen. Ein Beispiel zur aktuellen Problematik: Wir beobachten bei Kunden, dass Projektmanagement im PMO angesiedelt ist, in IT-Projekten jedoch auch mit SCRUM-Methoden gearbeitet wird. Die Verantwortung dafür liegt in der IT-Abteilung. Das führt dazu, dass PMO und IT-Abteilung in unterschiedlichen Prozessen denken und unterschiedliche Terminologien verwenden. Jegliche Anschlussfähigkeit geht verloren oder muss durch mühsames „Mapping“ von Begriffen herbeigeführt werden.

Welche Rolle spielen Zertifizierungen aus deiner Sicht in Zukunft (Jobs, Projekt Lead, Gehalt…)

Zertifizierungen werden auch in Zukunft wichtig sein. Der wachsende Zertifizierungsmarkt bestätigt diese These. Allerdings sehen wir Zertifizierungen in Zukunft weniger als Qualitätsnachweis sondern vermehrt als Ausbildungsnachweis. Viele Unternehmen verknüpfen Stellenbesetzungen, Karrierepfade und Gehaltsstrukturen für Projektmanager unter anderem mit diesen formalen Nachweisen. Für die bereits beschriebenen, neuen Anforderungen an Projektmanager sind Zertifizierungen lediglich die Basis von der die individuelle Weiterentwicklung ausgehen sollte. Bereits zertifizierten Projektmanagern würden wir empfehlen den Fokus auf komplementäre Themen wie Changemanagement oder Business Analyse zu legen.

In welchen Bereichen in Österreichs Wirtschaft wird der Bedarf nach Projektmanagern in Zukunft groß sein bzw. neu entstehen?

Wenn die angekündigten Weiterentwicklungen und Reformen kommen sollten, wird es im öffentlichen Sektor sicher einen wachsenden Bedarf geben. Generell gehen wir davon aus, dass die Bedeutung in allen Bereichen weiterhin steigen wird. In den Bereichen IT und Industrie, in denen der Projektmanagement-Reifegrad tendenziell am höchsten ist, wird es auch in Zukunft viel Bedarf an hochqualifizierten Projektmanagern geben. Aus makroökonomischer Sicht wird die Dynamik in unserer Gesellschaft weiter zunehmen und den Bedarf nach adäquater Infrastruktur und adäquaten Dienstleistungen generieren – die dazu notwendigen Maßnahmen werden häufig Programm- oder Projektcharakter haben.

PMI, PMI-PBA sind registrierte Marken des Project Management Institutes, Inc.